Shinrin-yoku - "Waldbaden"

Geschrieben am 07.06.2018 von

Ein Waldspaziergang tut gut und man kann mit allen Sinnen abtauchen vom stressigen Alltag oder sonstigen Belastungen. In Japan wird dieser Erholungsmethode ganz besondere Aufmerksamkeit geschenkt und man hat sogar einen eigenen Namen dafür entwickelt: „Shinrin-yoku“ - „im Wald baden“.

Inhalt

Seit der Industrialisierung lebt der Mensch zunehmend in einer Leistungsgesellschaft. Was zunächst als privilegierter Lebensstil erschien, erweist sich immer häufiger als ein Problem, denn mit dem scheinbaren Luxus wachsen gleichzeitig die Schwierigkeiten, unter anderem auch gesundheitlicher Natur.

Greifen viele Menschen, es nicht besser wissend, zu Medikamenten, so gibt es auch eine sehr viel simplere Alternative: einen Waldspaziergang. Klingt dies für manche zunächst belächelnswert, so wurde inzwischen von der Wissenschaft tatsächlich belegt, dass der Aufenthalt in einem Wald zu einer allgemeinen gesundheitlichen Verbesserung führt und sogar vorbeugend wirken kann.

In Japan wird diese Herangehensweise seit den 1980ern untersucht und erhielt den Begriff „Shinrin-yoku“, was mit „Waldbaden“ übersetzt werden kann. Hierbei handelt es sich aber nicht um heiße Quellen mitten im Wald; das „Baden“ bezieht sich darauf, dass bei einem Waldspaziergang alle Sinne miteinbezogen werden sollten. So hat die Farbe Grün ja bekannterweise eine beruhigende Wirkung auf den Menschen – und wo gibt es mehr Grün als im Wald? Die Akustik von Vogelgezwitscher oder einem Gewässer wie einem Bachlauf oder Wasserfall wirkt sich aktiv auf den menschlichen Ruhenerv, dem Parasympatikus, aus. Jener ist verantwortlich für unseren Stoffwechsel, Erholung und dem Aufbau körpereigener Reserven. Die Stresshormonausschüttung wird verringert und der Blutdruck sinkt. Auch Depressionen kann man mit Waldspaziergängen entgegentreten. Ebenso wurde eine positive Entwicklung bei Kindern mit ADHS verzeichnet, gleichfalls bei Menschen, die sich nach einem operativen Eingriff in der Genesungsphase befinden oder an chronischen Krankheiten leiden.

Die Nippon Medical School in Tokyo hat sogar belegen können, dass Shinrin-yoku krebsvorbeugend beziehungsweise in einer Krebstherapie unterstützend eingesetzt werden kann. Verantwortlich hierfür sind sogenannte Terpene, chemische Verbindungen, die von verschiedensten Pflanzen ausgeschüttet und innerhalb der Botanik als Kommunikation genutzt werden. Pflanzen warnen damit andere Pflanzen vor Angreifern oder anderen schädlichen Gefahren, was dazu führt, dass die gewarnten Pflanzen ihr Immunsystem hochfahren, um gegenüber Angriffen jeglicher Art besser gewappnet zu sein. Der menschliche Körper empfängt diese Signale ebenfalls, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind, und unser Immunsystem reagiert darauf wie das der Pflanzen. Durch ein aktiveres Immunsystem werden bei uns mehr weiße Blutkörperchen gebildet, die sowohl körperfremde Keime als auch körpereigene Krebszellen bekämpfen. Nach einem ausgiebigen Waldspaziergang beträgt der Prozentsatz der weißen Blutkörperchen in unserem Körper in etwa 50 Prozent mehr als davor.

Ebenfalls einen Vorteil vom Aufenthalt in der Natur können Menschen mit einem niedrigen Energielevel sowie jene mit Schlafstörungen haben. Dabei gibt es keine feste Regel, wie man Shinrin-yoku „richtig“ einsetzt: Es geht vorrangig darum, sich wieder seiner Wurzeln zu besinnen, den stressigen oder stagnierenden Alltag hinter sich zu lassen und bei sich selbst anzukommen. Man kann während eines Waldspaziergangs meditieren oder visualisieren, genauso kann man sich aber auch auf einer Lichtung oder einem anderen einladenden Platz niederlassen und das Leben und Treiben um sich herum mit allen Sinnen – Sehen, Riechen, Fühlen, Schmecken, Hören – in sich aufnehmen.

In Japan ist Shinrin-yoku sogar so hoch angesehen, dass die japanische Regierung zwischen den Jahren 2004 und 2013 umgerechnet mehr als 3.400.000 Euro in die Forschung investiert hat. Das sollte einem doch zu denken geben, dass der Wald vielleicht doch nicht nur was für „Ökos“ und „Hippies“ ist...

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